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Aargauer Zeitung, 18.05.2006

Knochenfunde erzählen ein Stück Weltgeschichte

Von: Werner Hostettler

Frick: In der Tongrube wurde erstmals in der Schweiz das Skelett eines fleischfressenden Dinosauriers entdeckt. Die bekannte Tongrube «Gruhalde» wurde mit dem sensationellen Fund ein weiteres Mal aufgewertet.

Vor 220 Millionen Jahren als ebenso gefährlicher wie spurtfreudiger Jäger gefürchtet, wird sein Skelett in absehbarer Zeit als schweizweite Exklusivität im Sauriermuseum Frick zu bestaunen sein: Der Raub dinosaurier, der in der Tongrube entdeckt wurde und bei dem es sich mit grosser Wahrscheinlichkeit um einen Vertreter der Theropoden (zweibeinig laufende, kleine Fleischfresser) handelt.

Vor 45 Jahren hob der damalige Laborchef der Tonwerke Keller AG, Ernst Wälchli, in der Tongrube «Gruhalde» ein Knochenstück auf - und er ahnte wohl kaum, was dieser Fund alles ins Rollen bringen würde. Das «komische Steinchen», das er rein zufällig am Boden liegen sah und auch aufhob, war nämlich der erste entdeckte Saurierknochen. In der Folge wurden mehrere wissenschaftliche Grabungen durchgeführt und 1985 wurde dann unter Leitung des Paläontologischen Institutes der ETH Zürich das (bisherige) Prunkstück geborgen; das komplette Skelett eines Plateosaurus. Und nun dürfen Forscher und Sauriermuseum gemeinsam einen weiteren, als spektakulär zu bezeichnenden Fund verbuchen: Nachdem der Regen kurz vor Ostern einen ersten schwarzen Knochen aus dem Gestein herausgeschwemmt und die Grabungen sich auf diesen Bereich konzentriert hatten, wurden nun in der «Gruhalde» als «Schweizer Saurierpremiere» verschiedenste Teile des Skeletts eines Raubdinosauriers entdeckt. Europaweit sind bisher nur sechs solche entdeckt worden.

Schweizweit erstmalig
Es ist das Forschungs- und Grabungsteam unter Leitung des ausgewiesenen Paläontologen Ben Pabst aus Zürich, das für sich in Anspruch nehmen darf, das erste in der Schweiz entdeckte Skelett eines solchen fleischfressenden Vertreters der Theropoden (zweibeinig laufende, kleine Fleischfresser) wieder ans Tageslicht befördert zu haben. Warum Ben Pabst von einem bedeutenden Fund spricht, erklärt er so: «Wir haben die Knochen in einer Schicht gefunden, die als fossilienarm gilt, und wir hätten auch nie gedacht, hier so etwas zu finden, Knochen schon gar nicht.» Man habe seit Beginn der Grab- und Forschungsarbeiten immer wieder gehofft, «auch mal was anderes als nur gerade Plateosaurier» zu finden, und: «Darum ist es für uns alle natürlich nun doppelt schön, endlich entdeckt zu haben, auf was wir schon so lange warteten.» Nebst allen sechs Be ckenknochen und 15 Rippen der Wirbelsäule wurden auch etliche feine Knochen ausgegraben, doch: «Den Schädel haben wir leider noch nicht gefunden, möglich, dass er weggeschwemmt wurde.» Noch vorhanden ist dagegen der Mageninhalt, und dessen Erforschung führte das Team zum Resultat, dass der entdeckte Fleischfresser als letzte Mahlzeit kleine Eidechsen verzehrte. Fest steht auch, dass der (mögliche) Coelophysis am Rande eines Flusslaufes verstarb.

Becken und Rippen des Raubsauriers. Foto: Werner Hostettler
Becken und Rippen des Raubsauriers. Foto: Werner Hostettler

Extreme Bereicherung
Was bedeutet der Fund für das Sauriermuseum Frick? Darauf Leiterin Monica Rümbeli: «In allererster Linie eine extreme Bereicherung. Wir schätzen uns ausserordentlich glücklich, bald als erstes Museum in der Schweiz das Skelett eines solchen Fleischfressers präsentieren zu können. Wir sind natürlich gespannt auf das Ergebnis der Abklärungen, die bereits angelaufen sind, also ob es sich tatsächlich um einen Coleophysis handelt oder allenfalls auch um einen jungen Liliensternus.»

Resultate in drei Monaten
Immer wieder wurden bisher in der «Gruhalde» einzelne scharfkantige und leicht gebogene Zähne von 5 bis 23 Millimeter Länge gefunden. Doch diese, obwohl oft neben Skeletten von Plateosauriern gelegen, müssen eindeutig einem anderen Tier zugeordnet werden, weil die Kanten der Zähne ganz fein gekerbt, also ideal für das Zerschneiden von Fleisch sind. Zähne von Raubdinosaurieren wie dem nun entdeckten also? Dazu Pabst: «Die Präparation der gefundenen Stücke werden Klarheit schaffen, Ideal für die Bestimmung ist das vollständig vorhandene Becken. Wir werden im Rahmen unserer Untersuchungen natürlich auch Vergleiche machen mit anderen entdeckten und bereits präparierten Knochen oder Skeletten. Von der Grösse her tippe ich persönlich eher auf den Coleophysis, der in der Obertrias lebte und eine Länge von bis zu drei Metern erreichte. Als Variante könnte es sich auch um einen jungen Liliensternus der Trias handeln, der bis zu fünf Meter lang wurde. Mit einem Resultat rechne ich in etwa drei Monaten.»

Der Coleophysis, der maximal 23 Kilo wog, muss ein gefährlicher Jäger gewesen sein, da sein gesamter Körper auf das Erzielen hoher Laufgeschwindigkeiten ausgerichtet war.

Monica Rümbeli, Leiterin des Sauriermuseums in Frick, ist überglücklich über den seltenen Fund in der Tongrube
Monica Rümbeli, Leiterin des Sauriermuseums in Frick, ist überglücklich über den seltenen Fund in der Tongrube. Foto: Werner Hostettler