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Aargauer Zeitung, 26.07.2001

«Knochen nur anzuhäufen, bringt nichts»

Von: Lorenz Frischknecht

SPEZIAL Sommerserie «Aargauer Museen»: Sauriermuseum in Frick

Wer wissen möchte, warum vor 220 Millionen Jahren Raubsaurier auf Plateosaurier losgingen oder wie ein Durcheinander von Knochen zu Museumsstücken präpariert wird, der besuche das Sauriermuseum in Frick.

Ein Prunkstück der Sammlung ist das 1984 entdeckte Skelett eines Plateosaurus, das in Fundlage präpariert wurde. Fotos: A. AlbrechtEin Prunkstück der Sammlung ist das 1984 entdeckte Skelett eines
Plateosaurus, das in Fundlage präpariert wurde. Fotos: A. Albrecht

Beginnt Monica Rümbeli von Dinosauriern zu erzählen, funkeln ihre Augen. Es gibt im Sauriermuseum Frick keinen einzigen Knochen, keinen noch so kleinen Krallensplitter, über den die Museumsleiterin nicht Stunden reden könnte. Sie flitzt von Oberschenkelknochen zu Schädeln, nimmt einen Zahn zum Anlass, über Lebensgewohnheiten der Dinos zu reden, oder kommt vor einer Zehe stehend auf Geldprobleme der Paläontologie zu reden. Monica Rümbeli ist ein Vollblut-Dinosaurier-Freak.

Wahrscheinlich wird das eine Leiterin eines Sauriermuseums automatisch. Wenn sie täglich mit den faszinierendsten Wesen der Weltgeschichte zu tun hat. Und wenn sie weltweit bedeutende Fundstücke und Ausstellungsobjekte verwaltet.

Die Anfänge des Sauriermuseums Frick gehen ins Jahr 1961 zurück. Damals entdeckte Ernst Wälchli, Laborchef der Tonwerke Frick, einen versteinerten Zehenknochen eines Sauriers. Nach den ersten professionellen Grabungen 1976 und 1977 wurde klar, dass es sich um einen Knochen der Saurierart «Plateosaurus engelhardti» (benannt nach dem ersten Finder) handelte.

Der Plateosaurus war der erste Pflanzenfresser unter den 500 bis 800 Saurierarten. Er lebte zwischen Trias und Jura ? vor rund 220 Millionen und während 50 Millionen Jahren ? und breitete sich nur in Europa aus. Zum Vergleich: Der erste «Mensch», der die Hände als Werkzeuge benutzte, lebte vor 2,5 Millionen Jahren. «Die ältesten Kunstwerke sind etwa 35000 Jährchen alt», lächelt Rümbeli. Sie liebt solche Zahlenvergleiche. «Rechnet man die Erdgeschichte auf ein heutiges Jahr um, so lebten die Saurier zwischen dem 24. und 26. Dezember, der Mensch entstand am 31. Dezember um 20.20 Uhr. Diese Zeiträume darf man nie aus den Augen verlieren.» Ebenso die anderen Dimensionen: Der Plateosaurus war 8 Meter lang, 4 Meter hoch und wog 3 Tonnen.

Zurück zur Museumsgeschichte. Und damit zu den Knochen, die im Sauriermuseum ausgestellt sind. 1984 gab es einen spektakulären Fund: Ein vollständiges Plateosaurus-Skelett wurde entdeckt und in Fundlage präpariert. Die Knochen blieben im Stein, wurden aber freigelegt. «Das Durcheinander fragiler, spröder Knochen so zu präparieren, dass sie jahrelang ausgestellt werden können, ist eine wahre Kunst», schwärmt Rümbeli, aber: «Die Aufarbeitung nimmt etwa 90% der Kosten in Anspruch. Paläontologie ist eine teure Angelegenheit.» Rümbeli verweist auf ein Skelett, das aus Knochen mehrerer Tiere montiert wurde und seit zwei Jahren an der Decke hängt. «Das kostete die Gemeinde und die Sponsoren fast 60000 Franken!»

Die beiden Skelette sind die Prunkstücke des Museums, das 1992 eröffnet wurde. Aber auch alle anderen Knochenteile sind sorgfältig ausgestellt. Zum Beispiel der Schädel, den Schüler der Neuen Kanti Aarau 1995 ausgegraben hatten. Oder der löffelförmige, gezackte Zahn, der zum Kauen ungeignet war und Rückschlüsse auf Magensteine erlaubt. Oder die Rippe, deren Röntgenbild einen Bruch sichtbar macht. Oder die durch die Erdschichten platt gepressten Oberschenkelknochen. «Ein Museum braucht ein wissenschaftliches Interesse. Gefundene Knochen einfach nur anzuhäufen, bringt nichts», so Rümbeli.

In den Buntmergelschichten der Tongrube Frick könnten noch etliche Stücke gefunden werden. Das Gebiet war zur Zeit der «ältesten Fricker» ein Sumpf. Es ist anzunehmen, dass die schweren Plateosaurier darin versanken und entweder im Schlamm erstickten oder von Raubsauriern angegriffen und gefressen wurden. Fast wie in «Jurassic Parc». Solche Filme liebt Rümbeli ohnehin. «Auch wenn nicht alles stimmt, als Unterhaltung ist das toll. Den Disney-Streifen ?Dinosaur? habe ich mir viermal angeschaut.»

Saurier-KennerinMonica Rümbeli
Monica Rümbeli ist verheiratet und wohnt in Frick. Die gelernte Chemikerin HTL führt seit einer Zweitausbildung eine psychologische Praxis in Frick. Auf das Sauriermuseum und die Welt der Saurier wurde sie 1998 aufmerksam, als das Sauriermuseum Personen für Führungen suchte. Rümbeli hat sich autodidaktisch zur Saurier-Kennerin entwickelt und verwaltet heute das Museum. Zu zweit macht das Museumsteam rund 200 Führungen pro Jahr ? für Schulklassen, Firmen, Seniorengruppen und andere Interessierte. Hinter dem Museum steht die Gemeinde Frick und eine Saurierkommission, der Spezialisten angehören. fri