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Sonntags Zeitung, 28.11.1999

Auferstehung aus dem Sumpf

Von: Bruno Amstutz

Ein 210 Millionen Jahre alter Schweizer Dinosaurier feiert in Frick Ausstellungspremiere

FRICK - Am seichten Ufer eines schlammigen Tümpels weidet eine Herde Plateosaurier. Plötzlich entsteht Unruhe unter den Pflanzenfressern. Ein Rudel straussengrosser Raubsaurier pirscht durch das Gebüsch. Die Plateosaurier ergreifen die Flucht, doch einer der Riesen bricht in ein Schlammloch ein und versinkt bis zur Brust im zähen Schlick. Die Raubsaurier heissen das Geschenk willkommen. Innert Minuten zerfleischen sie ihr Opfer. Die abgefressenen Knochen lassen sie in der Umgebung liegen.

Puzzle für den Profi: Ben Pabst beim Zusammensetzen des in Frick gefundenen Plateosaurus-Skeletts Puzzle für den Profi: Ben Pabst beim Zusammensetzen des in Frick gefundenen Plateosaurus-Skeletts
Puzzle für den Profi: Ben Pabst beim Zusammensetzen des in Frick gefundenen Plateosaurus-Skeletts

210 Millionen Jahre später ist der Plateosaurus wieder auferstanden. Der Zürcher Paläontologe Ben Pabst hat sein vollständiges Skelett zusammengesetzt - ein Puzzle aus mehreren Tausend Teilen, das seit wenigen Wochen im Sauriermuseum Frick zu besichtigen ist. «Plateosaurus engelhardti» heisst das Tier mit vollem Namen, ein imposanter Pflanzenfresser von zehn Meter Länge und einer halben Tonne Gewicht: Der grösste bislang gefundene Schweizer Dinosaurier hätte auch in der eben gelaufenen BBC-Serie «Dinosaurier - im Reich der Giganten» eine gute Figur abgegeben.

Bei der Wahl der Körperhaltung hat Pabst ein wenig seine Fantasie walten lassen: Statt in seiner Sterbelage hat er den Saurier mitten im Spurt festgehalten - so sollte ein dynamischer Schnappschuss aus der Saurierzeit entstehen. Montiert wurde der Saurier als Wandrelief: Die rechte Körperhälfte ist in Kunststein eingebettet, die linke steht frei.

Die Skelettbruchstücke lagerten zehn Jahre im Feuerwehrdepot
Als Paradies für Saurierjäger ist die Schweiz eigentlich nicht bekannt, doch Frick im Aargau gilt in Fachkreisen zurzeit als die ergiebigste Fundstelle Europas. Seit 35 Jahren wurden dort in einer Mergelgrube immer wieder Saurierfragmente entdeckt. Doch viele der gefundenen Teilskelette wurden gleich nach der Ausgrabung in Lagerräumen ein zweites Mal beerdigt: Die Präparation der Knochen ist nämlich sehr zeitaufwändig und entsprechend teuer. So lagen auch die jetzt von Pabst zusammengesetzten Skelettbruchstücke seit 1988 in einem Fricker Feuerwehrdepot im Dornröschenschlaf, eingepackt in tonnenschwere Gesteinsblöcke.

Erst 1998, als Pabst nach Knochen suchte, die sich als Leihgaben für andere Museen eignen würden, erkannte der Paläontologe den Wert der gelagerten Knochen: Es fanden sich genügend Einzelteile mehrerer Plateosaurier, um ein praktisch vollständiges Skelett zusammenzusetzen. «Arm- und Beinknochen waren vollzählig», sagt Pabst, «ebenso die Beckenknochen, Schulterblätter und Rippen. Einzig von der Wirbelsäule fehlten Teile.»

Rund 2000 Bruchstücke musste Pabst sortieren, zuordnen und zu 250 Knochen zusammenfügen. Das Material war bröckelig, viele der Einzelteile mehrmals gebrochen. Jeden Krümel Umgebungsgestein musste er vom organischen Material trennen. «Knochen aus Frick sind zudem oft extrem flach gedrückt», sagt Pabst. «Es kommt vor, dass ein Oberschenkel nur noch die Hälfte der ursprünglichen Länge hat, ein anderer dafür so schmal ist wie eine Rippe.» Ein halbes Jahr Arbeit hat er in die Präparation und Montage des Knochengerüstes investiert - ein Augenzwinkern in paläontologischen Zeitmassstäben.

Imposante Dinoskelette sind das eine, was Forscher wie Pabst aus der Fricker Mergelgrube herausholen. Daneben liefert der Dinosaurierfriedhof - auf der Fläche eines Fussballfeldes liegen durchschnittlich drei Tiere - Forschern auch Hinweise über die Beschaffenheit der Landschaft und das Leben der Saurier vor 210 Millionen Jahren. «Wir wollten herausfinden, wie die Dinosaurierfriedhöfe zu Stande kamen», sagt der Paläontologe Martin Sander von der Universität Bonn, der die Fricker Grube 1988 untersuchte. «Im Lauf unserer Grabungen entwickelten wir ein neues Modell, wie die Plateosaurier gestorben sind.»

Sander verglich die Lage der Skelette in Frick mit jener in zwei anderen, deutschen Dinofriedhöfen (im schwäbischen Trossingen und im ostdeutschen Halberstadt) und entdeckte erstaunliche Ähnlichkeiten: Jeder halbwegs vollständige Dinosaurier lag mit dem Bauch nach unten im Gestein, die Beine waren gespreizt, die Füsse steckten tiefer im Gestein als die Hüften. «Die Bauchlage beweist, dass die Tiere nach dem Tod nicht mehr transportiert worden sind, weder durch Wasser oder Schlammströme noch durch Raubsaurier», erläutert Sander. «Die Tiere sind wohl im Schlamm eingesunken und an diesem Ort gestorben.»

Die Gesteinsarten der Fundstellen deuten auf steppenhafte Landschaften hin. Frick lag im Triaszeitalter in einer Tiefebene in Meeresnähe, das Klima war trocken, aber nicht wüstenhaft. Plötzliche heftige Regenfälle konnten den Boden aufweichen, Schlammströme spülten Sand und loses Gestein in tiefer liegende Senken. Dort bildeten sich tückische Schlammlöcher, deren Oberfläche wieder verkrusten konnte, aber leicht einbrach. Wenn ein Pflanzenfresser einsank, wurde sein Hinterteil im Schlamm eingepackt und als zusammenhängendes Skelett konserviert. Die vorderen Teile hingegen konnten von Fleisch- und Aasfressern zerlegt werden.

Die Raubsaurier waren zu leicht, um im Schlamm einzusinken
Der jetzt von Pabst zusammengesetzte Dino passt - pikanterweise - nicht genau ins Bild der «Schlammfallentheorie»: Kein zusammenhängendes Hinterteil, sondern eine lose Ansammlung von Einzelknochen verschiedener Tiere förderte Sander 1988 zu Tage. Für den Paläontologen Hans Rieber von der Universität Zürich ist denn auch klar, dass eine Schlammlawine die Tiere einfach fortgespült hat. Dem widerspricht allerdings Pabst: «Meiner Meinung nach haben wir hier die vorderen Körperhälften, die aus dem Schlamm ragten und von den Raubsauriern auseinander gezerrt wurden.» Es bleibt also ungeklärt, was genau in Frick passierte vor 210 Millionen Jahren.

Sanders Schlammfallentheorie hat jedoch eine wichtige Konsequenz für weitere Ausgrabungen: «In Frick wird man kein Raubsaurierskelett finden», ist Sander überzeugt. Offensichtlich waren die Fleischfresser zu leicht, um im Schlamm einzusinken. Bisher wurden auch keine Skelette leichtgewichtiger Plateosaurus-Jungtiere entdeckt. Das macht ebenfalls Sinn: Mit zunehmender Grösse wächst der Druck auf die Fussfläche, und so ist es plausibel, dass nur grosse Saurier den Boden unter den Füssen verloren.

Das Glück der Raubsaurier ist das Leid der Paläontologen. Das Einzige, was die Fleischfresser in Frick der Nachwelt überlassen haben, sind abgebrochene Zähne. Ansonsten fehlt von den Räubern vorläufig noch jede Spur.

Fertig montiert: Wandrelief des Plateosaurus engelhardti an seinem Fundort
Fertig montiert: Wandrelief des Plateosaurus engelhardti an seinem Fundort