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19.10.2017 : 8:55 : +0200

Vierte Grabung

Grabung der Kantonsschule Aarau

Das Aargauische Naturmuseum in Aarau hatte bislang kein Sauriermaterial aus Frick. Deshalb war es naheliegend, eine eigene kleine Grabung durchzuführen. Diese fand Ende September 1995 zusammen mit Schülerrinnen und Schülern der Neuen Kantonsschule Aarau (Bild 1) im Rahmen einer Projektwoche statt.

1) Das Grabungsteam in der Fricker Tongrube, bestehend aus Schülerinnen und Schülern der Neuen Kantonsschule Aarau, dem Grabungsleiter B. Imhof (links hinten), dem Konservator R. Foelix (rechts vorne) und K. Haldimann (rechts hinten). Foto: H. Moor1) Das Grabungsteam in der Fricker Tongrube, bestehend aus Schülerinnen und Schülern der Neuen Kantonsschule Aarau, dem Grabungsleiter B. Imhof (links hinten), dem Konservator R. Foelix (rechts vorne) und K. Haldimann (rechts hinten). Foto: H. Moor
Vorbereitungen werden getroffen

Die eigentliche Ausgrabung wurde von den Gebrüdern Imhof geleitet, die schon von früheren Grabungen bestens mit den Verhältnissen in der Fricker Tongrube vertraut waren. Zuvor musste dort allerdings eine Woche lang sondiert und vorbereitet werden, worin wir grosszügig von der Tonwerke Keller AG unterstützt worden sind. Mit einem Trax wurde die fossilträchtige «Saurierschicht» zentimeterweise abgeschabt und sorgfaltig darauf geachtet, ob irgendwelche Saurierknochen dabei zum Vorschein kämen. Dies war tatsächlich an zwei Stellen der Fall, die dann sofort mit Farbe markiert wurden (Bild 2).

Schüler treffen ein

Als dann in der folgenden Woche die Schüler eintrafen, fanden sie bereits zwei überdachte Grabungsstellen vor - sowie einen halb herauspräparierten Saurierfuss samt Kralle. Natürlich war dies für die Schüler ein Anreiz, selbst auch fündig zu werden.

Unter fachkundiger Anleitung von Beat Imhof wurde systematisch mit dem Spitzhammer nach Saurierknochen «geklopft». Dies konnte oft Stunden oder gar Tage dauern, und die Geduld unserer Fossilsucher wurde zuweilen sicher strapaziert. Um so grösser dann die Freude, wenn man auf die ersten «eigenen» Rippen oder Wirbel stiess und diese dann sorgfältig mit Hammer und feinem Meissel weiterpräparieren konnte (Bild 2).

2) Sobald die ersten Saurierknochen zum Vorschein kommen, wird die Stelle mit roter Farbe eingekreist, und danach geht es mit Hammer und Meissel - und viel Fingerspitzengefühl - an die Präparation. Hier werden gerade Brust- und Bauchrippen freigelegt.2) Sobald die ersten Saurierknochen zum Vorschein kommen, wird die Stelle mit roter Farbe eingekreist, und danach geht es mit Hammer und Meissel - und viel Fingerspitzengefühl - an die Präparation. Hier werden gerade Brust- und Bauchrippen freigelegt.
Erster Schädel gefunden

Grosse Aufregung herrschte, als der erste - leider etwas zerdrückte - Schädel zum Vorschein kam, und noch mehr, als eine Schülerin drei gebogene, scharfkantige Zähne freilegte. Diese sahen nämlich verdächtig wie Raubsaurierzähne aus, und deshalb stiegen die Hoffnungen, eventuell auch Raubsaurierknochen zu finden. Leider haben sich diese in den folgenden Präparationen noch nicht bestätigt.

Zweiter Schädel gefunden3) Das Paradestück unserer Grabung, ein grosser Plateosaurus-Schädel von fast 40cm Länge. Die minutiöse Feinpräparierung benötigte über 100 Arbeitsstunden (Atelier Imhof).

Eine gewisse Entschädigung brachte dafür der Fund eines weiteren Plateosaurus-Schädels, der aussergewöhnlich gross und gut erhalten war (Bild 3). Nachdem schon zuvor über Presse, Radio und Fernsehen unsere Sauriergrabung ziemlich publik gemacht worden war, strömten nun ganze Schulklassen in die Fricker Tongrube.

3) Das Paradestück unserer Grabung, ein grosser Plateosaurus-Schädel von fast 40cm Länge. Die minutiöse Feinpräparierung benötigte über 100 Arbeitsstunden (Atelier Imhof).
Vielseitiges Interesse

Auch auf der wissenschaftlichen Seite wurde man hellhörig, und so kamen nicht nur Professoren von der Universität zur Begutachtung, sondern auch Präparatoren des Paläontologischen Instituts Zürich, die tatkräftig bei der Bergung der Saurierknochen mithalfen. Nachdem nämlich nach Ablauf der Projektwoche die meisten Schülerinnen und Schüler in die Herbstferien gingen, stand das restliche Grabungsteam vor der Frage: Wie lässt sich das freigelegte Fossilmaterial in nützlicher Frist abbauen und für die Feinpräparation sichern?

Militär kommt zur Hilfe

Besonders für grössere, schwere Gesteinsbrocken war man auf maschinelle Hilfe angewiesen. In dieser Situation nahm Dr. Moor Kontakt mit dem Militär auf und bat um Unterstützung beim Abräumen des Gesteins bzw. Abtransport der anpräparierten, fossilhaltigen Felsbrocken. Dieser Bitte wurde recht unbürokratisch und speditiv entsprochen, so dass plötzlich Presslufthämmer und schwere Lastwagen an der Fundstelle auftauchten und so der Abbau in kurzer Zeit vorangetrieben werden konnte.

Saurier Funde werden geschützt

Da das einbettende Gestein (Kalkmergel) sehr bröckelig ist, mussten die Saurierknochen möglichst gut vor dem Zerfall geschützt werden. Dies geschah, indem die freigelegten Knochen mit feuchtem Papier abgedeckt und dann mit Sackleinwand (Jute) und Gips überzogen wurden. Auf diese Weise wurden schliesslich etwa 30 grosse «Gipseier» hergestellt, die dann für die spätere Präparation abtransportiert werden konnten.

Grabung war erfolgreich

Insgesamt war diese kurze Grabung also recht erfolgreich, und auch für die Schülerinnen und Schüler der Neuen Kantonsschule dürfte diese «Saurierwoche» einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben. Im Naturmuseum in Aarau haben wir bereits den grossen Plateosaurus-Schädel sauber präpariert ausgestellt, neben einem grossen Gesteinsstück, in dem etliche Knochenbruchstücke (Rippen, Wirbel, Kiefer) in Fundlage reliefartig herausgearbeitet sind. Der Grossteil der Präparationsarbeit liegt allerdings noch vor uns; die vielversprechendsten Blöcke werden zuerst angegangen, und es bestehen berechtigte Hoffnungen, auch noch auf Raubsaurierknochen zu stossen.

4) Dünnschliffe von Plateosaurus-Rippen zeigen im Randbereich eine deutliche Schichtung, die als Wachstumszonen (W) interpretiert werden. Die dunklen Flecken entsprechen den Knochenkanälen, in denen die Blutgefässe verliefen.4) Dünnschliffe von Plateosaurus-Rippen zeigen im Randbereich eine deutliche Schichtung, die als Wachstumszonen (W) interpretiert werden. Die dunklen Flecken entsprechen den Knochenkanälen, in denen die Blutgefässe verliefen. 30 x vergrössert.
Funde hervorragend erhalten

Die Plateosaurus-Knochen sind trotz ihres Alters von über 200 Millionen Jahren hervorragend erhalten - selbst im mikroskopischen Bereich. Deshalb hat der Konservator am Paläontologischen Institut in Zürich mehrere Dünnschliffe von Rippen anfertigen lassen, die erstaunliche Details in der Knochenstruktur zeigen (Bild 4). Man sieht deutlich die dunkel gefüllten Kanälchen, in denen früher das Saurierblut geflossen ist, und bei stärkerer Vergrösserung sogar fein verzweigte Hohlräume, die den Knochenzellen entsprechen (Bild 5).

5) Bei 100facher Vergrösserung des Knochenquerschliffs lassen sich die ehemaligen Knochenzellen als schwarze Pünktchen erkennen, die in konzentrischen Kreisen um den Blutgefässkanal angeordnet sind.5) Bei 100facher Vergrösserung des Knochenquerschliffs lassen sich die ehemaligen Knochenzellen als schwarze Pünktchen erkennen, die in konzentrischen Kreisen um den Blutgefässkanal angeordnet sind.
Inset: Selbst die feinsten Verzweigungen einer einzelnen Knochenzelle sind nach 200 Millionen Jahren noch sichtbar.
500x vergrössert.

Vielleicht am interessantesten ist die Beobachtung von Zuwachszonen im randlichen Bereich. Dies wird als periodische Ablagerung gedeutet - ähnlich wie Jahresringe von Bäumen - und eventuell lässt sich anhand der Anzahl dieser Zonen sogar das Lebensalter eines Sauriers abschätzen. Hierzu sind gerade Untersuchungen im Gang, in Zusammenarbeit mit der Expertin für Saurierknochen, Dr. Chinsamy vom Naturmuseum in Kapstadt. Auch über die chemische Zusammensetzung dieser Knochen haben wir von der EMPA (Dr. C. Moor) erste Ergebnisse, etwa einen relativ hohen Gehalt an sogenannten «Seltenen Erden» im Vergleich zum umgebenden Gestein. Wir hoffen, mit unseren jetzigen Funden ein etwas seriöseres Bild der Saurier nachzeichnen zu helfen, als dies etwa im Buch bzw. Film «Jurassic Park» dargestellt wurde. Und im Gegensatz zu dieser Science-Fiction war unser «Triassic Park» in der Fricker Umgebung durchaus Realität.

Dr. Rainer F. Foelix